Alex Tennigkeitgeb. 1976 in Heilbronn | lebt und arbeitet in Berlin Förderprojekt 2004 ![]() Ausbildung
This Is All I Wanna See Alex Tennigkeits Werke entstehen durch Prozesse persönlicher Aneignung allgegenwärtig verfügbarer Informationen. Indem sie ‚Rohmaterial’ aus verschiedenen Medien – wie Zeitungen und Zeitschriften, Flyern, dem Internet oder Film und Filmplakaten – durch ihren persönlichen Filter zieht, entwickelt sie ihre individuelle Sicht auf komplexe Zusammenhänge und wirft diese schließlich in Form von Ölbildern, Zeichnungen, Objekten und Rauminstallationen zurück in die Welt. Das persönliche Zeichensystem, welches die junge Künstlerin mit Bild- und Textfragmenten aus unterschiedlichen Zeiten und Zusammenhängen entwickelt hat, erscheint auf den ersten Blick wie eine verwirrende Mixtur emotional hochdosierter Einzelteile. Texte aus der Hip-Hop-Musikszene, politische Repräsentationselemente, mythisch aufgeladene Symbole sowie Bilder aus Lifestyle- und Modemagazinen, Film, Werbung, Naturkunde- und Geschichtsbüchern treffen bei Tennigkeit auf die erstaunlichste Weise zusammen. Subjektiv und assoziativ reflektiert sie den Umgang ihrer Generation mit Themen wie Liebe, Tod, Spiritualität, Natur, Gewalt, Macht und Identität. Was auf den ersten Blick nahezu kitschig wirkt, ist eine bewusst gewählte Ausdrucksform, die es in sich hat. Die kursiv geschwungene Edwardian-Schrifttype, die häufig in einzeln gesetzten Worten auftaucht, verbindet sich mit mild lächelnden Beautygirls und steht in heftigem Kontrast zu der Ästhetik direkt daneben platzierter Totenköpfe und Fledermäuse. Symbole mittelalterlicher, indianischer und altägyptischer Mystik – ursprünglich als Hilfsmittel zur meditativen Versenkung entwickelt – tauchen heute ganz selbstverständlich in kruden Mixturen als Fetischsymbole, Tatoovorlagen oder Embleme der Musik- und Gruftie-Szene wieder auf. Tennigkeit greift die Symbolkombinationen aus diesen Zusammenhängen heraus und geht noch einen Schritt weiter, indem sie sie in schwarz-rot-goldene Sonnenuntergänge, Ölfeldexplosionen und Fahnenarrangements integriert. Mit einem im Wald gefundenen Baumhaus setzt Tennigkeit der monumentalen und überbordenden Repräsentationssymbolik die subversive Kraft und reine Energie der Freiheit entgegen. Die grobe Materialität und wilde Bauweise des objet trouvé transportiert Ideen und Empfindungen, die das Feld in Richtung Anarchie, Aufbegehren und Abenteuer öffnen. Tennigkeit vermag mit dieser Vorgehensweise, zeitlich und geographisch weit voneinander entfernte Kulturepochen ineinander fallen zu lassen und so archaische Grundmuster des Menschen ins Blickfeld zu rücken. Und doch sind ihre Arbeiten ganz in der Gegenwart verwurzelt. Denn Tennigkeit wirft ihren Blick auf die äußere Welt des schönen Scheins und schaut sich das, für ihre Generation durch den Einfluss der Medien so elementare Prinzip ‚Oberfläche’, sehr genau an. In schwarz-weißen Tuschezeichnungen und farbig reduzierten Gemälden, die Supermodells aus Modemagazinen zeigen, nimmt sie den täglichen Kampf ums Idealmaß ins Visier. In Kombination mit Songtexten entlehnten Schriftzügen wie „This Is All I Wanna See“ oder „You Know That I Want That“ setzt sie den Fokus auf perfekte Frauenbeine – teilweise in Kombination mit verführerischen Blicken –, denen als Objekte der Begierde, überproportionale Bedeutung zukommt. Die zunehmende Wichtigkeit von Äußerlichkeiten innerhalb unserer hochgestylten Welt, aber auch das ewige Spiel der Reizauslotung zwischen den Geschlechtern, die Inszenierung des Selbst im Hinblick auf die Erwartungen des Gegenüber bei gleichzeitiger Rückbesinnung auf die wahrhaftige Identität sind kritische Anspielungen der Künstlerin und kommen als Interpretationsbausteine in Frage. Alex Tennigkeit eröffnet ihre Website www.nineteensnakes.de mit fünf kurzen Sätzen, die als einzelne Ausstellungstitel in ihrer Vita wieder auftauchen. Hintereinander gelesen könnten sie genauso gut der Refrain eines Songs oder ein Gedicht sein: Father forgive me .../ I’ll never get out of these blues alive / I love lonesome nights / Life is only a dream / Forever’s a long, long time... Nina Muecke Berlin, 2004 | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||