Marcus Sendlingergeb. 1967 in Königstein | lebt und arbeitet in Berlin Förderprojekt 2003 ![]() Ausbildung
Was waren das für gemütliche Zeiten, als auf der Rückbank des geliebten PKW noch ein Kissen mit der eingestickten Autonummer lag, auf der Hutablage der Wackeldackel neben der umhäkelten Klorolle für unterwegs autistisch vor sich hinnickte, und die Vase am Armaturenbrett mit einer staubigen Kunststoffnelke prunkte. Die 80er hatten mit all dem aufgeräumt, als zum Schrecken aller Feierabendpolierer plötzlich bunte, neonfarbene Splashes auf der Karosse des bis dahin als halbwegs intelligent eingestuften Nachbarn auftauchten. Die meist unsäglichen Ausformungen der ungebremsten Dekorationswut sind raschem Wandel und ebenso raschem Verschwinden unterworfen und können damit ein bestimmtes Zeit- und Lebensgefühl hervorragend dokumentieren. Sendlinger verwendet diese Formen in seinen Bildern als Reminiszenzen und nostalgische Schaufenster zu zeittypischen Erscheinungen, die er in seine Malerei einbindet. Aspekte der Trivialkultur werden zu einem Vehikel der Malerei, verschieben diese beinahe unmerklich in einen nicht genau definierten Bereich zwischen Hochkunst, Design, Trashkultur und Alltagswahrnehmung. Elemente der Comicwelt wie Speedlines oder die Verwendung der Splashes als Glanzpunkte tauchen darin ebenso auf wie eine schon katastrophal anmutende lineare Vernetzung, die eine konstruktive Ebene anspricht, ohne dem Design aus dem Weg zu gehen. Hard-Edge und triviale Gemütlichkeitsmuster treffen hier aufeinander und gehen eine malerische Synthese ein, die es in sich hat. Manche Bilder werden wie Teile eines Puzzles präsentiert, als Suchbild, das bewusst Disparates und Zusammengehöriges mischt, daraus neue Zusammenhänge konstruiert. Das Bild zerfällt dabei in Einzelteile, die das Unfertige, Temporäre betonen und mit Verfallsdaten arbeiten. Tusche, Acryl, Carliner, Motivsticker und Metallflakes – alles Materialien, die zum schnellen Verbrauch bestimmt sind– materialisieren als Malerei auf der Leinwand, radikal zeitgenössisch und dem schnellen Fluß der Zeit kurzzeitig entrissen. Überhaupt spielt diese Malerei sich mit atemberaubender Geschwindigkeit ab. Wie schnelle „takes“ im Videoclip lagern sich die einzelnen „images“ übereinander, um neuen Platz zu machen. Tiefe und Flächigkeit kontrastieren hart miteinander. Überlagerungen und versteckte Bilder befinden sich im ständigen Fluss. Immer wieder sind da Motorradbilder, Easy Rider auf dem Gewirr der Hochstraßen unterwegs zu neuen Horizonten. „I ́m a poor lonesome cowboy and a long way from home“ singt Lucky Luke, wenn er in die untergehende Sonne reitet, Freiheit und Abenteuer, die niemals wirklich enden. Sendlinger benutzt die vorgefundenen Bilder und visuellen Strategien mit ihrer grellbunten, Aufmerksamkeit erheischenden Sprache, um zu einer neuen Realität in der Malerei zu gelangen, die in der Alltagserfahrung noch einen Anker besitzt. Als Collagen der Medien- und Alltagswirklichkeit bilden sie eine eigene Wirklichkeit ab, die wiederum malereispezifisch ist und die Geschichte der Malerei selbst reflektiert. Pop und konkreteMalerei treten als Onkel und Tante an die Wiege der Malerei, die Paten heißen Autowerbung und MTV. In der spielerischen Verflechtung und Vernetzung liegt eine der Hauptstärken dieser Malerei; durch keine falschen Tabus behindert, entfaltet sich ein lustvolles und doch genau kalkuliertes, verdichtetes Bild der Realitätin vitro, das, beim Betrachter angekommen, das Licht der Welt erblickt. Martin Stather (Mannheimer Kunstverein) | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||