Bernhard Bretz / Matthias HolligerKünstlerduo Förderprojekt 2009 Bernhard Bretz geboren 1980 in Transilvanien, lebt in Stuttgart und Berlin
Matthias Holliger geboren 1974 in Basel, lebt in München
gemeinsame Projekte seit 2002 Preise/Stipendien
Einzelausstellungen (Auswahl)
Gruppenausstellungen (Auswahl)
Katalogbeitrag zu ›+10|2009‹ Interview mit Johannes Keppler (August 2009) JK: Was macht Ihr eigentlich? B: Die Realität begleiten und dabei stolpern. JK: Eine Art des Scheiterns? B: Eine Art des in der Welt Seins. Das Stolpern erzeugt eine ungemeine Wachheit und man verortet sich im Raum notgedrungen immer wieder neu, ich denke das tun wir seit einigen Jahren. M: Ja wir kreieren oftmals einen ganzen Pfad aus Stolpersteinen. JK: Wie geht Ihr dabei vor? M: Du meinst unsere Waffen? JK: Die politisierte Welt scheint Euch ja nicht sonderlich zu beschäftigen - also mehr die Frage nach der Aneignung von Raum? M: Er ordnet sich der Idee unter, so wie sich gute Politik den Bedürfnissen der Bürger unterordnet. JK: Eure Kunst ist ja auch eine Kunst der Begriffskonstruktionen. Welche Rolle spielt die Sprache in euren Arbeiten? B: Unsere Arbeiten versuchen meist die vorhandene Welt zu reflektieren, indem Sie dabei Teil der jeweiligen Arbeit wird. Dabei spielt die Sprache die Rolle des Vermittlers. JK: Zu Eurer Arbeitsweise. Ihr seid als Künstlerduo seit 2002 tätig. Wie einigt Ihr Euch auf der - nennen wir es vereinfacht - Baustelle? Spielt Demokratie da eine Rolle? M: Demokratie zu zweit - wie soll das gehen?! B: Es heißt ja auch Bretz/Holliger und nicht Holliger/Bretz! Ist Deine Frage damit beantwortet? (lacht) JK: Ja, tatsächlich. Welchen Status hat das Konzeptuelle in Euren Arbeiten? B: Die Konzeptkunst hat bis Ende der 80`er Jahre eine sehr spröde und elitäre Ader gehabt. Ich denke wir sind Teil einer Generation die diesem Dogma mehr spielerisches zumutet. Die Antithetik in unseren Arbeiten - Object-trouvé und "Site-Specific-Object", Bild und Körper beispielsweise zielen eher auf eine Methode ab, die mit dieser Welt umzugehen hat. Konzeptkunst ist etwas anderes! Es geht mehr um die Ereignisse auf einem Stolperpfad. Wir reagieren auf unsere Umwelt, die Medien und darauf in welcher Lebenslage wir uns gerade befinden und kommunizieren über das was wir dabei sehen und empfinden. JK: Das ist mir zu abstrakt! M: Ist denn stolpern abstrakt?! JK: Nein, aber über Ereignisse kann ich im jetzt stolpern, wie beim Zeitung lesen z.B. Nicht aber über das Ereignete. Darüber kann ich nur berichten, weil es schon vorbei ist. B: Bei uns fällt das zusammen. Im selben Moment weil es Öffnungen, Löcher und Risse gibt. Stichwort Koinzidenz. Zwei Zustände fallen zusammen: kaputt gebaut, der Knick in der Optik, das Original der Kopie usw. Und da fällt vielen nichts Besseres ein als das dann „Trash“ zu nennen. Meinen Müll muss ich aber nicht in einer Galerie abladen, dafür haben wir Therapeuten und Geschwister. Bei uns spielt mehr die Haltung gegenüber dieser Aneignung von Räumen, Geschichten und Zuständen eine Rolle. JT: Also eher eine Methode zur Fixierung von Zuständen. Andere Frage: Ich sehe immer wieder „arme“ oder billige Materialien in Euren Installationen. Würdet Ihr mit 100.000 Euro Budget die selben Materialien benutzen? Ist das eine Low-Budget-Kunst oder einfach der Überrest einer Arbeitsweise von zwei Studenten, die den Sperrmüll aus Geldknappheit wählten? B: Mit 100.000 Euro wäre die nächste Installation aus Schaumwein! M: Die Scheiben aus gebogenem Plexiglas. JT: Es hat also keinen soziokulturellen Hintergrund - wie man ja annehmen könnte bei Euren Biografien: der Eine im wirtschaftlich armen Rumänien, der Andere im goldenen Käfig Schweiz geboren? B: Alle Methoden, und die Materialwahl ist eine Methode der Bildkonstruktion, führten uns bisher zu einfachen Bedeutungsträgern, die aus dem Alltäglichen entnommen sind. Vor allem der Zivilisationsschrott Number One: Plastik. Ich glaube es gibt nicht eine Arbeit ohne Plastik von uns, oder Matthias? M: Ja, Plastik bzw. Kunststoff ist für uns so etwas wie ein Urelement in unserem Kosmos. Stichwort: Acrystal! Der unattraktive Alterungsprozess, die Geschwindigkeit, mit der dieses ganze Plastik unserer Umwelt innerhalb kürzester Zeit zu unbrauchbarem Müll wird, ist atemberaubend und es ist - einmal abgesehen von einer „Umweltdebatte“ - vielleicht das prägendste Material unseres Zeitalters. Das ist natürlich auch künstlerisch wichtig. Da ist das Öl drin. Da lässt sich eben viel darin ablesen. Wir evozieren damit Ereignisse die Reportagen ähneln. JK: Die letzte Arbeit der Medienorgel (Episode 5) erschien mir diesbezüglich sehr komponiert und war in der Hinsicht mehr eine Bestandsaufnahme als eine Reportage. Was bedeutet Komposition für Euch - wo Ihr doch Beide Malerei studiert habt? M: Wie schon gesagt: die Komposition ordnet sich der Idee unter. Spannend wird es eher wenn die Komposition vom Betrachter verändert oder erst durch Ihn zu Stande kommt. JK: Gutes Stichwort: Welche Rolle spielt der Rezipient bei Euch? B: Der Unbestimmbarste und Anonymste Teil einer Installation. Ich denke da manchmal an einen Versuch im Labor. Dann geht irgendetwas schief. Es kracht und explodiert. Die entstandene Verwüstung schaut sich dann der Rezipient an. Er klopft höflich an die Labortür und läuft dann umher und fügt zusammen und räumt auf. Er sammelt und meint die Regeln ausgesprochen gut zu kennen. Er ist gesittet bis feige. Er hat das Messer in seiner Hand schon lange abgegeben. Er ist ruhig gestellt worden. Er hat schon alles über sich ergehen lassen und ist immer noch da. Bei uns ist er zudem der notorische Zu-Spät-Kommer. Allgemein ist er ein Spekulant der an der Kunstfront schnuppert und Informationen einholt. Wenn er stirbt können wir Künstler nach Hause gehen.... M: ... es geht um einen kurzen Moment, der den Prozess der Zerstörung schon vorwegnimmt. Hier trifft alles zusammen. Ein Staat wird ausgerufen und gleichzeitig löst er sich auf. Überall sind Löcher und Risse. Spuren der Zerstörung und Erneuerung. Jede Stadt hält es gut damit. Wir kreieren etwas, das von dem Augenblick des Entstehens an bereits die Merkmale des Zerschlagens in sich hat: kaputt gebaut eben! | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||